Wenn Erwachsene zum Baby werden
Die sanfte Kraft des Wassers: Wie ein Bayreuther Therapeutenpaar Verspannungen löst und Menschen zu ihrer wahren Persönlichkeit verhilft.
Von Manfred Otzelberger, RNT
Nordbayerischer Kurier, 24. Juli 2004
Wenn Wolfram und Ricarda Geiszler in der Bayreuther Lohengrin-Therme ins Becken steigen, gehen sie ihrer Berufung nach: Menschen mit der sanften Kraft des Wassers wieder zu sich selbst bringen, ihnen ein neues Körpergefühl schenken. Bereits 3000 Mal hat das Ehepaar, das eine fundierte körpertherapeutische Ausbildung hat, entspannungswilligen Menschen neue Horizonte eröffnet. Jetzt haben die beiden, die in Zusammenarbeit mit der Deutschen Gesellschaft für Alternative Medizin "Gesundheits- praktiker im Wasser" ausbilden, ein Buch geschrieben, das "Wege zu Wohlbefinden und Entspannung" verspricht.
Der feuchte Tanz
In der Tat: Wassertherapie wird immer beliebter und spricht sich aufgrund ihrer Erfolge herum, auch die bekannte Naturheilpraktikerin Veronica Carstens, Witwe des ehemaligen Bundespräsidenten Karl Carstens, war voll des Lobes über die Arbeit der Bayreuther im feuchten Element: "Schon die Bilder im Buch sind eine Art Verlockung. Man hätte größte Lust, sich sofort in Ihre Behandlung zu begeben. Ich werde Ihnen Patienten schicken."
Wolfram Geiszler, der sehr sensibel mit nicht ganz so begnadeten Körpern umgehen kann: "Wasser ist ein ideales Medium, um Menschen zu entspannen. Es geht um Intimität und Nähe. Der Begleiter hält den Klienten (vom Zahnarzt bis zum Waldarbeiter sind auch viele Männer dabei) auf seinen Unterarmen, so wie eine Mutter ihr Baby hält. Das Wasser übernimmt den Großteil des Gewichts. Der Begleiter setzt die Impulse. Er schaukelt sein Wasser-Baby im Zeitlupentempo von sich weg und auf sich zu. Er lässt es langsam sinken, um es im nächsten Moment wieder zu halten. Dann drückt er den Körper des Klienten sacht zusammen und gibt ihm danach die Möglichkeit, sich weit auszudehnen. Schließend und öffnend wiederholt der Begleiter diese Bewegungen viele Male. Begleiter und Klient lassen sich ein auf einen gemeinsamen Tanz, der manchmal zum Wasser- Walzer wird."
Die sanfte und aufmerksame Berührung sind viele Menschen nicht mehr gewohnt. Aber viele öffnen sich im Wasser viel eher als an Land, das fließende Medium löst emotionale Verhärtungen und Traumata. Zum Beispiel bei Carola, einer jungen Frau, die seit ihrer Kindheit nie mehr im Wasser gewesen ist, weil sie einmal beinah ertrunken wäre. Wolfram Geiszler: "Nach und nach fasste sie Vertrauen. Sie ließ ihre Angst mit jedem Atemzug abfließen. Nach der Anwendung bat sie um eine Nasenklammer. Nach beinahe 20 Jahren ließ sie sich erstmalig runtersinken und durchtauchte das ganze Becken." Der Schritt ins Wasser ist ein Weg zum Beginn des Lebens. Im Mutterleib lebten wir neun Monate im Wasser, die sicherste Phase unseres Lebens, Geborgenheit pur. Aber viele Menschen haben später Angst vor dem Wasser, weil es in der Mythologie auch für das Unbewusste und Abgründige steht.
Versinken im Flow
Gesundheit kann Spaß machen, das ist die Botschaft von Ricarda Geiszler. Der Flow, das Versinken in totaler Entspannung, ist ihr Ziel. "Aqua Flow beginnt, wenn wir aufmerksam sind für das Fließen. Er entsteht, wenn wir unserer Phantasie freien Lauf lassen und doch im Einklang mit dem Element ganz bei der Sache sind. Wir spüren, wie uns das Wasser trägt, birgt und mit tausend Händen sanft massiert. Wasser kann uns den Weg weisen zum Wesen von Bewegung und Beweglichkeit und dem damit verbundenen Wissen, dass alles fließt panta rei."
Ricarda Geiszler genießt die Wassertherapie auch selbst: "Geräusche des Wassers dringen an mein Ohr: Gedämpftes Blubbern, Rauschen, tropfene Töne. Das körperwarme Wasser streicht seidenweich über meine Haut, das Gefühl des Schwebens ist perfekt. Die Bewegungen sind wie Wellen. In mir entsteht ein Gefühl von Weite. Mein Körper ist leicht und weich. Ich empfinde große Dankbarkeit."
Maria geht es heute ähnlich. "Wie ein Stein" fühlte sich Maria, eine Mutter von vier kleinen Kindern. Ihr Körper war verspannt und schmerzte. Bei der Wassertherapie lernte sie durch langsame und weiche Streichungen an verschiedenen Körperregionen wieder eine neue Feineinstellung ihres Körpers. Die chronisch verspannten Muskelkontraktionen lösten sich. Was sie im Wasser erlebte, konnte sie auch an Land umsetzen und in ihren Alltag übertragen.
Viele fühlen sich nach der Wasserstunde wie neu geboren, ist die Erfahrung von Ricarda Geiszler: "Die meisten kommen mit einem großen, diffusen Leidensdruck. ,Ich bin so gestresst, fühle mich verspannt, brauche Ruhe und Erholung', das sind alles typische Aussagen für Menschen, die noch nicht viel Erfahrung mit Körperarbeit gemacht haben und instinktiv spüren, dass sie einen Zugang zu sich selbst benötigen." Die Energie ist zwar da, aber oft in chronischen Zuständen gefangen, spürt Wolfram Geiszler: "So werden viele auf Dauer immer empfindungsloser und haben keine Erklärung dafür. Medikamente, Krafttraining und Massagen bringen auf Dauer keine wirkliche Hilfe. Aber der alte vergessene Zugang zum Körper kann wieder geöffnet werden. Und damit entstehen wieder Interesse und Begeisterung. Ungewöhnliche Erfahrungen gibt es auch noch auch jenseits der 40."
Symbol für Wandel
Natürlich scheitern die Geiszlers auch bei manchen, die nach der ersten Stunde nicht wiederkommen, weil sie nichts empfinden oder Angst vor der Konfrontation mit ihrem Innenleben haben. Aber das sind Ausnahmen, meint das Therapeutenpaar: "Wasser ist Symbol für Veränderung, Wandel und Neuformung, das macht manchen Angst. Aber keine Körpergeschichte ist aussichtslos. Für unsere Arbeit gilt der Satz des Philosophen Meister Eckart: Der wichtigste Mensch ist der, der dir gerade gegenübersteht, der wichtigste Augenblick ist jetzt, die wichtigste Erfahrung ist in diesem Augenblick."
Infos: 0921/8710600 und www.inbalance-team.de.
Das Buch von Wolfram und Ricarda Geiszler heißt "Wassertherapie" und ist im Verlag Brandes & Apsel erschienen.
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