Die sanfte Kraft des Wassers
Was ist AQUA Balancing ? Ricarda Geiszler erklärt es
von Manfred Otzelberger, RNT
Nordbayerischer Kurier, Samstag/Sonntag, 10./11. Juli 1999
Wenn Ricarda Geiszler ins Wasser geht, spielt sie oft eine tragende Rolle: "Meine Hände halten, schaukeln, drehen, stretchen und pulsieren die Körper der Menschen, die sich mir anvertrauen. Ganz ohne Anstrengung kommt die Wirbelsäule ins Lot, Muskelverspannungen lösen sich, Gelenke werden freier."
AQUA Balancing heißt die Entspannungsmethode, die gestresste und verkrampfte Menschen sich selbst wieder näher bringen soll. Ricarda Geiszler, die von Feldenkrais bis zum kommunikativen Bewegen (Psychotonik) und der humanistischen Psychotherapie mehrere Ausbildungen in der Kunst des bewussteren Lebens hat, ist von dem nassen Element begeistert: "Ich habe noch nie jemanden erlebt, der sich der sanften Kraft des Wassers verschließt. Wir bestehen ja zu fast 80 Prozent aus Wasser und sind in Wasser geboren. In der Wasserarbeit kommt es schneller und nachhaltiger zu Veränderungen des Körperschemas, als es bei Therapien an Land je möglich wäre."
Nur abschalten muss man dabei, die umherschwirrenden Gedankensplitter abfallen lassen, meint die gelernte Sport- und Gymnastiklehrerin Geiszler. "Es gibt nichts zu tun als nichts zu tun. Genau das haben aber die modernen Zivilisationsmenschen, für die schon Freizeit Erlebnisstress ist, verlernt.
AQUA Balancing tut vielen gut: Menschen nach Operationen zur Vitalisierung und Regeneration, unruhigen, gereizten, verspannten Menschen, die auf andere Entspannungstechniken nicht so gut ansprechen, und Menschen, die einfach nur genießen und sich fallen lassen wollen."
Delphin als Therapeut
Ricarda Geiszler sieht sich nicht als Heilsbringerin, aber die Atem- und Bewegungstherapeutin hat Erfolgserlebnisse: "Ich sehe den Menschen als prozessorientieres Wesen und nicht als Krankheitsfall. Eine Glücksgarantie kann ich nicht geben, aber die Abstände zwischen dem Unglücklichsein vergrößern."
Gerne erzählt die 47jährige die Geschichte von Dr. Horace Dobbs, einem der bedeutendsten Delphinforscher. Eines Tages brachte eine Frau ihren manisch-depressiven Mann zu Dr. Dobbs, und er ging ins Wasser und schwamm mit den Delphinen. Anschließend sah sie ihn zum ersten Mal nach zwölf Jahren lächeln. Sie sagte, er sei aufgeblüht wie eine Sonnenblume. Dabei fiel Dr. Dobbs der depressive Maler Vincent van Gogh ein, der seine Gefühle in Bildern so kraftvoll zum Ausdruck bringt. "Operation Sonnenblume" nannte Dr. Dobbs sein Projekt.
Seit 1980 wird diese körperorientierte Therapie in den USA ständig weiterentwickelt. Es begann mit dem Wasser-Shiatsu, das Wassertanzen kam hinzu. 1993 wurden diese beiden Formen am Institut für Aquatische Körperarbeit in der Schweiz zusammengeführt, seit 1998 bietet Ricarda Geiszler die Therapie an. Ihre Ausbildung hat sie bei den beiden Aqua Wellness Begründerinnen Kaya Femerling und Nirvano Martina Schulz gemacht.
Was aber wird nun balanciert? Es geht zunächst einmal um die achtsame Hin- und Zuwendung - praktisch ein passives Umhüllen des Klienten und die gegenseitige Berührung - im Fachjargon Bonding genannt, das biologisch verankerte Grundgefühl des Menschen nach emotionaler Offenheit und körperlicher Nähe.
Der Körper lügt nicht, meint Ricarda Geiszler: "Da die meisten von uns davon als Kinder zu wenig bekommen haben, und diesem Bedürfnis als Erwachsene kaum Rechnung getragen wird, bietet sich die Wasserarbeit als idealer Weg zu einem Rebonding an. Durch das Halten, die Nähe und die Art der Bewegungen geschieht vieles von selbst.
Ursprüngliche Bewegungen
Harmonisch und fließend sollen die Bewegungsabläufe im Wasser sein: "In der Wasserarbeit benutzen wir nur biologisch verankerte Bewegungen, die als grundlegendes Muster im Körper bereits vorhanden sind. Durch ihre Ursprünglichkeit bewirken sie sehr rasch Koordination und organische Körperbeherrschung. Darunter versteht man eine Art der Körperbeherrschung, die nicht willentlich aufgesetzt ist wie "Bauch rein, Brust raus". Die Bewegungserfahrungen, die im Wasser organisch, selbstverständlich, leicht und ohne Leistungsdruck entstehen, können an Land übertragen werden."
BILD!!!
Während einer Wasser-Arbeit-Sitzung hat Ricarda Geiszler immer den Energiefluß vor Augen. "Wo ist er gerade gestaut, wo sollte er ins Fließen gebracht werden? Der Körper wird balanciert, indem Verspannungen auf dieser Ebene gelöst werden. Der Atem- und Bewegungsfluß wird zwischen seinen drei Hauptsegmenten Becken - Bauch - Kopf zum Fließen gebracht."
Das Becken ist ganz oft eine Problemzone, die häufig kaum beachtet wird. In diesem Körperteil geht es vorrangig um Angst und Verwirrung. Körperliche Symptome sind Hämorrhoiden, Verstopfung, Verspannung des Bauches, Überreaktion auf körperliche Berührung. Ein "versteinertes Becken" blockiert den sexuellen Energiefluß.
Fehlgeleitete Energie
Der große Sexualtherapeut Wilhelm Reich fand heraus, dass sexuelle Energie und Angst für zwei Gegenpole vegetativer Erregung stehen. Das heißt: Dieselbe Erregung, die sich als Lebensenergie im gesamten Organismus zeigt oder direkt als Lust in den Genitalien, manifestiert sich als Angst, wenn sie nach oben steigt und das Herz-Kreislauf-System eines blockierten Körpers stimuliert.
Bei der Brust geht es vorrangig um den Mangel an Liebe und Zuwendung oder um die Angst davor. Körperliche Symptome sind Verhärtungen und Enge im Brustbereich. Hier findet lebensgeschichtlich die erste Blockierung statt. Ist die Brust tonnenförmig, aufgeblasen und starr, stecken dort Ärger und Furcht. Eine schmale, eingesunkene Brust steht oft für zurückgehaltene Trauer. Ein blockiertes Zwerchfell für Atemmuster mit Brechhemmungen und Neigung zu Magenbeschwerden bis hin zu Magengeschwüren.
Auch der Kopf sagt uns viel über den Zustand eines Menschen. Zum Beispiel die Über- und Unterspannung in Lippen, Mund, Nacken und Kiefer. In den Augen steht die Lebensangst eines Menschen geschrieben. In das Gehirn kann keiner hineinschauen, aber gerade hier kann die Wassertherapie Enormes leisten, meint Ricarda Geiszler. "Zahlreiche Untersuchungen in den USA und Deutschland haben gezeigt, dass während der Wasserarbeit und noch sechs Stunden danach die Möglichkeit einer Reorganisation im Gehirn besteht: Das bedeutet nichts anderes, als dass sich der Klient gleichzeitig in einem tiefen Zustand der Entspannung und einem Zustand wachen Bewusstseins befindet. In diesem Zustand können neue Bewegungsmuster geübt und neue Bewusstseinsinhalte aufgenommen werden. Die sanft-fließenden Bewegungsabläufe lösen elektrische Impulse aus. Es werden nicht nur viele Bereiche im Gehirn stimuliert, die sonst brach liegen. Die Neuronen werden zusätzlich dazu bewegt, neue Verbindungen zu knüpfen. Der Mensch ist offen für neue gedankliche Impulse."
Zusätzlich erfolgt eine Schwerpunktverlagerung in die Zone des assoziativen Denkens, in der wir uns angeblich nur fünf Prozent des Tages aufhalten. Dabei ist diese Zone für das Glücksgefühl verantwortlich, meint Psychiatrieprofessor Hendrik Emrich: "Glück empfinden wir, wenn wir mit Ungewöhnlichem konfrontiert werden und ohne Angstgefühle unser Bewusstsein dafür öffnen."
Geborgen wie ein Baby
Der ungarisch-amerikanische Psychologe und Glücksforscher Mihaly Czikszentmihaly Konnte mit umfangreichen Forschungen an Schachspielern, Chirurgen und Musikern zeigen, dass Menschen, die etwas mit Freude tun, in einen Zustand des von ihm sogenannten Flow geraten. In diesem Flow, diesem Glückszustand, konzentrieren sie ihre Aufmerksamkeit auf ein uneingeschränktes Stimulusfeld. Sie vergessen darüber ihre persönlichen Probleme, sie verlieren den Sinn für die Zeit und für sich selbst, gleichzeitig fühlen sie sich kompetent, beherrschen die Situation, empfinden Einheit und Harmonie mit ihrer Umwelt.
Flow-Aktivitäten führen oft zu einem Gefühl der Transzendenz und des Verschmelzens mit der Welt. All diese Eigenschaften finden sich im AQUA Balancing wieder, meint Ricarda Geiszler. "Wir können uns wieder so geborgen wie ein Baby in der Fruchtblase fühlen, versteinerte Gesichter wirken auf einmal gelöst. Das Wasser weicht auch harte Kerle auf."
Wer sich übrigens nicht von einer Frau auf Händen tragen lassen will, muss nicht auf AQUA Balancing verzichten: Ricarda Geiszlers Ehemann Wolfram ist ebenfalls ein erfahrener Wassertherapeut und kann auch mit schwergewichtigen Menschen umgehen.
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